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Jever, Ostfriesland – 07/20

23. Januar 1848: Alexander Eilert von Mitscherlich läuft am frühen Morgen entlang der Bahnschienen von Jever nach Wittmund. Ihm fehlt ein Arm, dem Anschein nach erst seit kurzem. Unbeirrt zieht Mitscherlich eine dritte Spur als schwarzrotes Ornat neben die Gleise her. Das war schön anzusehen und wäre er dabei beobachtet worden, hätte derjenige sich besser zurückgehalten, denn zu welchem Zweck sollte man diesen Augenblick ruinieren?

Am Vorabend im Labor: Mitscherlich steht hinter einem Tisch, halb verdeckt von Spiralgedöns aus Metall und Glas. Er blickt auf einen Erlenmeyer-Kolben in dem es mineralisch brodelt.

Mitscherlich steht da nicht ohne Grund, er ist berühmt. So berühmt, dass der Erlenmeyer Kolben beinahe nach ihm benannt worden wäre. Böse Zungen behaupten, dass die Benutzung von „Alexander Eilert von Mitscherlich-Kolben“, den Laboralltag erschwert hätte.
Das 6-köpfige Komitee habe sich dann auf das kleinere Übel geeinigt, den Erlenmeyer Kolben,
Den Erlenmeyer Kolben, denkt Mitscherlich, mit einem ‘l’ oder zwei, mit ‘ai’, ‘ey’, einem oder zwei ‘r’, etc. Zu Gunsten des praktischen Gebrauchs hätte Mitscherlich die Demütigung hingenommen, aber so…

Er beobachtet weiterhin die moderate Menge aufsteigender Bläschen, seine Ungeduld wächst. Mitscherlich wirft alles an die Wand, greift hinter sich, findet noch drei weitere Kolben, wirft sie hinterher.Er darf das, er ist hier Chef. Etwas aus der Puste lehnt er sich ans Fenster und blickt sehnsüchtig auf die Natur. Sie beruhigt ihn nicht.
Unverändert wütend gießt er einen weiteren Versuch zusammen und beobachtet die Reaktion. Unter seinem Blick vermischen sich blau und gelb zu grün. Jetzt erst atmet Mitscherlich auf, er weiß: hier ist alles in Ordnung.

Alex, so wird Jevers berühmter Sohn von Menschen genannt, die so tun als seien sie mit ihm gut bekannt, also Alex kann sich jetzt seiner eigentlichen Forschungsarbeit widmen. Hier nun das entscheidende Experiment, das, worum es geht.

In einem Ring aus Magneten liegen Löffel aus Eisen. Auf einigen ist fett Pflaumenmus drauf, auf anderen jeweils ein gekochtes Ei. Alex greift in den Kreis und isst abwechselnd Ei und Pflaumenmus, manchmal auch zwei Eier hintereinander, und einmal sogar dreifach Pflaumenmus. Gestern hatte er das Gleiche getan, jedoch ohne Magneten. Beim zurücklegen drehen einige der Löffel Pirouetten, andere bleiben liegen. Er schreibt in sein Notizbuch :“Der Magnetismus, trotz seiner offensichtlichen Wirkung auf die unbelebte Materie FE Ferrum, vermag nichts über meinen Willen.“ Alex schleckt den letzten Löffel blank, triumphal, könnte man meinen. Und er notiert noch hinzu: „Im Muße liegt das Glück“, auch ein Satz, den die Nachwelt Erlenmeyer zuschreiben wird.

Im Fenster zum Labor steht jetzt Klaus, der Laborgehilfe, doch Alex erkennt ihn nicht. Klaus zieht sein Hosenbein hoch und die Gamasche runter, und er zeigt Alex seine Narbe, die ihn ausweist, in seiner individuellen Einzigartigkeit. Doch Alex hat jetzt wirklich keinen Nerv für semiotische Spitzfindigkeiten von Leuten, die glauben, es zu etwas gebracht zu haben. Der Mann mit der Narbe am Bein und dem Hang zum Exhibitionismus muss draußen bleiben. Alex macht sich Kaffee und isst dazu eine Madeleine, das einzige Teilchen für das Alex sich wirklich interessiert. Er ist dezidiert kein Physiker, will sich abgrenzen und dippt.

Es ist kurz vor 16:00 Uhr, und noch Zeit für ein letztes Experiment. Alex gießt Quellwasser auf ein Pürree aus Coka-Blättern, braunem Zucker und der geheimen Krabben-Würzmischung seiner Oma. Das Ergebnis sprudelt köstlich in einem Erlenmeyer-Kolben, ja, einem Erlenmeyer-Kolben. Alex wirft ihn an die Wand, er kann nicht anders, und verschiebt die Entdeckung von Coca Cola um weitere 80 Jahre. Ach, es ist ein Genuss wie der Mensch aus der Wut heraus sein Mittelmaß solide festigt.

Egal, Alex hat Feierabend und geht raus aufs Feld. Früher, also zu Zeiten von Mitscherlich, war ja alles noch Feld.
Die Sonne geht unter und es erreicht ihn der Schatten der Einleitung. Ihn fröstelt. Über ihm nun die Sterne klar, unter ihm die Erde beginnt zu dampfen. Alex bleibt stehen und macht die Fächelprobe und stellt fest: arschkalt.

Wie zum Spott zeigt sich am Feldrand ein schwarzer Pudel, er will Alex herüberlocken und fährt sich neckisch durchs flauschige Fell. Doch Mitscherlich kennt nur Mitleid für das Tier. Er weiß, mit der Oberfläche zum Quadrat sinkt das Volumen um den Faktor drei. Des Pudels Kern ist hart gefroren.

Hinter dem Feld nun liegen die Bahngleise der Strecke Jever-Wittmund. Sie sind Zeichen der Hochtechnologie, doch der sympathische Kerpener ist Avantgarde und fühlt die Nostalgie unserer Gegenwart voraus. Es kommt ein Güterzug herangefahren, auf ihn zu. Der Qualm der Maschine schiebt sich vor den Halbmond. Romantik pur, so empfindet Mitscherlich diesen Moment und er lässt sich mitreißen, nicht ganz und gar, aber doch ebenso viel, wie ein aufgeklärter Protestant es sich gestattet. Potenziell seine Arbeitskraft erhaltend, streckt er den linken Arm heraus, und der Eingriff erfolgt mit chirurgischer Präzision. Mitscherlich ist mit dem Ergebnis zufrieden, würde unter anderen Umständen den ‘Daumen hoch’ zeigen.

Dies nun ist des Herrn Mitscherlichs letzte Chance. Er könnte werden: der berühmte Chemiker mit nur einem Arm. Doch er hat keine Ahnung, wie man eine Marke aufbaut. Erschwerend kommt hinzu, Mitscherlich hat diesen unheldischen Hang zum Ausbluten, an dem man auch heutzutage noch den Nebendarsteller erkennt.
Schwer in Gedanken vertieft, fällt er schließlich lang hin und liegt nun da, auf den Gleisen, stark beeindruckt vom allgemeinen Fortschritt.

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