Simone Frege

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Nizza 12/16

17. November 1983. Der KLM Flug 7392 von Johannesburg nach Toronto überfliegt um 23:04 Uhr den Äquator. Mit an Bord ist Simone Frege, Beruf Zahnärztin.

Simone Frege fliegt nicht gern Flugzeug. Ja, was fliegt sie denn gern, wenn nicht Flugzeug, werden Sie fragen? Heutzutage macht die Einschränkung ‘fliegt Flugzeug’ wenig Sinn, aber meine Geschichte nimmt alle zukünftigen Geschichten vorweg. Auch in 800 Jahren werden sich noch Menschen mit Simone und ihren Gefühlen identifizieren können. Der Fortschritt kann meiner Geschichte nichts anhaben. Sprachlich wird sich wohl einiges tun. Aus Fortschritt wird längst Fortflug geworden sein.
Simone Frege fortfluggläubig trotz Kaltem Krieg, denkt sich sich die Zukunft voll mit atomgetriebenen Flugzeugen, die niemals auftanken müssen, geflogen von autonomen Robotern. Besser noch, Cyborg-Flugzeuge, Teil für Teil den Körper gegen Flugzeugteile austauschen, denkt sich Simone.
Mit Einschränkungen jedoch. Gehirn, Gesicht und Geschlechtsorgane erscheinen ihr unersetzlich. Die würde sie gern behalten, unter der Prämisse, dass dieser menschliche Rest mit dem mechanisch elektronischen Körper ewig lebt. Lippen zum Küssen, Augen zum Gucken. Ein gelegentliches Interface zu einem Arm mit Fingern wäre schön.
Wie fühlt es sich an als Flugzeug ein anderes Flugzeug zu berühren? Geschieht es in der Luft, bedeutet die Berührung den Absturz. Zwischenflugzeuglich ist wie zwischenmenschlich, denkt Simone. Kommt man sich zu nahe, gehen beide Partner dabei drauf. Das ist der Supergau.
Es sind noch drei Jahre bis Tschernobyl, die Halbwertszeit von Simones Metapher beträgt 18 Monate.

Nun der Clou: Simone Frege leidet unter Flugangst, aber sie weiß es nicht. Immer wenn sie im Flugzeug sitzt, geht ihr der Kopf durch. Alles mögliche wird zum Problem. Gefangen in Feedbackschleifen geht sie die gleichen Handlungsoptionen wieder und wieder durch, ohne je einen Gedanken und die damit verbundene Angst abschließen zu können.
Vor ihrem geistigen Auge erscheint jetzt das Supermarktregal des Edeka ihrer Kleinstadt. Sehr gut erinnert sie sich, wo welcher Wein steht. Sie entwirft eine Rangliste, welchen sie zu kaufen gedenkt, welcher ist zweite Wahl, welcher dritte.
Erschütterung! Simone sitzt gar nicht im Flugzeug nach Hause, sondern nach Toronto. Kein kanadisches Regal will sich ihr ergeben. Es mangelt ihr an Erfahrung beim Weinkauf in Übersee. Die erste Staffel Friends läuft erst in 13 Jahren an. Weder Airwolf, A-Team, noch der Mann aus Atlantis halten sich mit Supermarktszenen auf. Die 80er nähern sich dem Alltäglichen über den Umweg der Explosion. Simone sitzt medial im Hinblick auf Supermarktweinregale hart auf dem Trockenen.
Noch einmal wendet sich das Blatt. Simones Sitznachbarin bestellt bei der Flugbegleitung eine Flasche Wein. Simone Frege war schon angezählt, aber der Zufall holt sie nochmal zurück ins Leben.

Die Boeing 747 überquert mit 998 km/Stunde in 33.000 Fuß Höhe den Äquator. Ob oder trotz dieser vielfältigen Wunder gießt sich Simone mit ihrer Sitznachbarin einen ein. Sie findet nichts Besonderes daran, dass sie, trotz zielstrebiger Bewegung auf Toronto zu, sich mit der Erde gemeinsam 1670 Stundenkilometer schnell im Kreise dreht, und dann nochmal im Kreise um die Sonne, und dann nochmal im Kreis ums Zentrum der Galaxis und dann, vom Punkt des Urknalls weg – ins Nichts, aber immerhin nicht im Kreis.
Das lässt sich alles denken. Noch hat alles, was sich bewegt drei Dimensionen und ein Gesicht. Simone kennt weder String-Theorie noch dunkle Materie. Wenn jemand im November 1983 Simone Frege gefragt hätte: „Frau Frege, was halten Sie von der Postmoderne?“ Frau Frege, hätte geantwortet, dass sie an der Verbeamtung für Postangestellte festhalten möchte.
Noch ist die größte Bedrohung im kollektiven Bewusstsein die atomare Sofortvernichtung, oder ein Weiterleben in der Wüste unter der Herrschaft von Tina Turner. Für beides konnte man nichts, wäre nicht zu belangen.
Unschuld ist Lebensqualität, das weiß Simone seit sie ihren Bruder beim Herausreißen von Fliegenflügeln beobachtet und ihn damit bis in die späte Pubertät hinein erpresst hat. Überhaupt, Bionik: Von der Natur lernen ist Fortflug.

Simone landet in Toronto. Sie besucht eine Konferenz für Zahnärzte, steigt wieder ins Flugzeug und fliegt noch viele Male umher, bis sie in hohem Alter normal bis mittelschwer erkrankt und von da ab ein häusliches Leben führt.

Da sitzt die Bürgerin Simone Frege, ganz ohne Flugangst in der Küche. Wie an vielen Tagen zuvor legt sie nach dem Essen unaufgeregt den Kopf auf den Tisch. In dieser Geste steckt noch einmal der ganze Mensch, den Gott jetzt zu sich holt.
Gott, entgegen anderslautender Behauptungen, kümmert sich nicht nur administrativ um die Seelen, sondern erscheint bei jedem Ableben persönlich. Allmacht sei Dank. Jedoch, und da ist das Alte Testament präzise beim Wort zu nehmen, Gott ist auch ein fieser Nickel mit perfidem Sinn für Humor.
Simone, die keine Angst vorm Tode hat, blickt neugierig auf den Mann mit weißem Bart. Wirklich, Gott, ein Mann mit weißem Bart?
„Simone, ich erfülle dir deinen größten Wunsch, Du darfst als Flugzeug in den Himmel auffliegen. Zu Gunsten der besseren Anschauung, werde ich deine Verwandlung durch eine Handbewegung auslösen. Ein alberner Umweg, den ich als metaphysische Existenz nur dir zuliebe mache. Die Erfahrung lehrt, Menschen, die sich ohne Zeichen eines Grundes in ein Flugzeug verwandelt sehen, erschrecken über Gebühr.“ (Schwing)
Simone wird zum Flugzeug und steigt und steigt und steigt. Irgendwo zwischen Atmosphäre und Äther simuliert Gott einen Kabelbrand, ein Triebwerk fällt aus. Simones Flugzeugaugen werden panisch und Gott sagt: „Kleiner Spaß.“
Gott, der bislang locker neben Simone hergeflogen ist, wedelt noch einmal mit dem Arm. Endlich verwandelt er Simone in eine lichtgestaltige Astralform, oder so, und sie kommt in den echten Himmel, der ja gar nicht oben ist, sondern überall, so wie das Nichts.

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