Revolutionäre Lebensläufe

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Paris 11/17

Heinrich Koletta.
Vorm Eingang zu Markthalle zwischen Toiletteneingang und Blumenverkäuferinnen-Bude steht seit unbekannter Zeit ein Unterstand aus Plexiglas. An den Seiten dicht und sogar mit einer Türe zu verschließen.
Das Glas ist gut zwei Zentimeter dick und vollkommen klar. Das Dach hat zur Türe hin einen leichten Überstand, damit es nicht zwischen Plexiglastüre und Plexiglaswand hineinregnet. Vorne dran – ein Umhängeschloss.
Es ist 8:00 Uhr. Da kommt Heinrich Koletta, er schließt das Schloss auf und stellt sich hinein – in den Plexiglasunterstand. Er schließt die Plexiglastüre und sieht hinaus. Die Budenbesitzer kommen zur Arbeit.
“Guten Morgen Heinrich.”
“Guten Morgen x.”
“Guten Morgen y”, sagt Heinrich, leicht gedämpft durch zwei Zentimeter Plexiglas.
Es kommt auch Heinrichs große Liebe, Susanne. Susanne arbeitet beim Lidl. Heinrich träumt dauernd von ihr. Für die meisten Träume schämt er sich und nie wird jemand von ihnen erfahren. Zum Glück, der Traum der letzten Nacht geht in Ordnung.
– Heinrich lag am Strand und hat eine Burg gebaut. Da kam Susanne auf zwei Delphinen angefahren. Im langen Haar blinkende Sardinendosen, die Delphine lagen ihr rund und als Filet zu Füßen: „Ich bins die Venus von Silo, mein Schuhwerk ist feinste Dose von Hawesta.“
Wo hatte Heinrich seine Gabel, die Gabel? –

Letztlich wieder nur ein Traum über Impotenz. Heinrich ist einiges von sich gewohnt.

Hier im Plastikglasunterstand ist Heinrich vor seinem eigenen Begehren sicher. Vom Funktionsträger Heinrich Koletta kann kein Flirtversuch verlangt werden.
„Hallo Susanne.“
„Hallo Heinrich.“
Heinrich nimmt seinen Beruf ernst. Seit vielen Jahren kümmert er sich als Hausmeister um alle Belange der Markthalle. Er versteht sich im Großen und Ganzen als Sicherheitsbeauftragter. Er stellt sicher, dass alles funktioniert, Abfluss, Dach, Standmieter, alles widerständige Objekte mit dem Hang zur Devianz.
Heinrich sucht seine Pflichten mit dem Notwendigen in Einklang zu bringen. Im Winter war es oft zu kalt, um sich exponiert ins Freie zu stellen. Andererseits ist die Position aber unerlässlich, um gleichzeitig alles im Blick zu behalten und ansprechbar zu bleiben. Ein Verhau aus Brettern kam nicht in Frage, ein ungeschützter Verbleib leider auch nicht, da Heinrich mit den Jahren eine Kältempfindlichkeit entwickelt hatte. Beim Hausarzt zeigte er mit dem Finger drauf und der Arzt gab der Sache den Codenamen ‘untenrum’.
„Herr Koletta, Sie müssen was tun“, hatte er gesagt und Heinrich annoncierte wochenlang ungefähr so: Suche transparente Wetterhütte; oder: Unterstand, winddicht, jedoch mit Aussicht, oder: Glaswand, Mannshoch mit Dach.
Es war wie google, nur langsamer.
Endlich meldete sich eine Firma für Zirkusbedarf. Für 299 Euro konnte Heinrich eben jenen Unterstand aus Plexiglas erstehen, der eigentlich als geriatrische Hilfe für stark zitternde Pantomime gedacht war.
Wie auch immer, seitdem steht Heinrich sicher und trocken im Sturm und er muss auch nicht dauernd aufs Klo.
Heute jedoch, heute ist ein besonderer Tag. Da kommt Susanne schon wieder um die Ecke. Sie malt Heinrich mit Lippenstift ein Herz aufs Glas, setzt einen Kussmund darüber und geht wieder rein.
Heinrich ist innerlich zerrissen. Was tun? Diese lang ersehnten Zeichen von Zuneigung, wie sollte er damit verfahren? Der Privatmann will sie für immer dort behalten, aber der Sicherheitsbeauftragte Koletta muss zusehen, dass sie verschwinden, um nicht zum Gespött der Leute zu werden. Wenige Sekunden unerträgliche Spannung, dann findet die Natur eine Lösung. Heinrich Koletta, für alle gut sichtbar im mannshohen Plastikglas-unterstand, explodiert und verteilt sich als gleichmäßiger Film über Plastikglaswände und Decke.
Glücklich, aber auch ein bisschen tot, fährt Koletta in den Himmel auf, gezogen von zwei Delphinen. Echte Delphine, gar nicht in der Dose.

23.08.1994: Schaumgeburt der Venus aus dem Munde des Polizisten Walter Kraft.
Im kleinen Dorf Kratz an der Pfüng erhält der Polizeibeamte Walter Kraft um 7:44 Uhr eine Briefzustellung. Nach Öffnung des Briefes ist klar, Walter Kraft wird befördert. Von der Fußpolizei zur Fahrradpolizei. Die damit einhergehenden Privilegien sind kaum zu überschätzen: Kostenloses Fahrsicherheitstraining, Thermounterwäsche in blau, neues Fahrrad für lau. Sein Leben wird sich krass verändern.
Am nächsten Morgen: Walter Kraft erhält sein erste Unterweisung im Hinblick auf das neue Arbeitsgerät. Walter ist fit, das Fahrrad hat 48 Gänge. Auch am Berg macht Walter eine gute Figur. Bei der ersten Streife dann gibt es unerwartete Probleme. Wohin mit der Pfeife? Wenn er sie den Hals hinunter baumeln lässt, ist sie nicht schnell genug zur Hand, insbesondere beim downhill. Behält er sie im Mund, läuft sie langsam aber sicher voll mit Sabber.
Da nun geschieht es. Um 18:42 Uhr, während Walter Kraft mit 75 km/h lässig durch eine langgezogene Kurve biegt, fährt ein Radfahrer an der Kreuzung Josefsstraße und Marktgasse bei rot über die Ampel. Walter zögert keine Sekunde und pfeift dienstbeflissen in die mittlerweile vollgelaufene Pfeife. Übertrieben viel Spucke verteilt sich in Walters Gesicht und nimmt ihm zunehmend die Sicht. Ein entgegenkommender LKW kann dem wild über die Fahrbahn schlitternden Fahrradpolizisten noch ausweichen und Walter kommt im Graben zu liegen. Ohne innere Verletzungen kommt Walter Kraft sich recht bescheuert vor, als er drei Minuten später am Sabber seiner eigenen Pfeife erstickt.

 

 

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