Wasser und Brot. Oder: die Werdung des Postkartenmalers Johann Zetel zu Kleinzell.


strsbrg 8/17

Früh gelang es Johann Zetel zu Kleinzell sich ein Bild von der Welt zu machen. Wie so oft, was dem einen eine Tugend ist dem anderen ein Laster. Wenig wusste Johann von den Empfindungen anderer Menschen, nur die ungeheure Lust beim Sicheinbildmachen ließ Johann keinen Zweifel, dass es sich bei seiner Tätigkeit um letzteres handelte – ein Laster, eine weitere Perversion seiner Seele, die er, wenn nicht unterdrücken, so doch im Stillen genießen musste. Der Preis war ein Schuldempfinden über Gebühr. Rief zum Beispiel jemand laut einen Namen, gar nicht seinen, irgendeinen, oder hupte sich ein Wagen die Straße frei, so fand er stets sich gemeint. Doch, ach, welch süße Ernte zu solch geringem Preis.
Mit fortschreitender Adoleszenz besserte sich seine Perversion insofern als sein Bedürfnis einen großen Markt vorfand. Unendlich viele Bilder wurden produziert, neue Apparate machten ihm die Bilder anderer zugänglich. Er schien ein Bedürfnis zu teilen, war dem Anschein nach – immer noch pervers, aber – nicht allein. Der Kauf von Magazinen, Zeitschriften, Videokassetten, Postern brachte Ausgesuchtes in die eigenen vier Wände. Sie erst verwandeln das Kinderzimmer in Eigentum, so sie Werbung.
Das Hunger der Menschen nach Bildern war so groß, dass sie sich bald gratis einfanden. Gratis bedeutete, dass sie mitsamt anderen Bildern ins Haus kamen, die zwar nicht ausgesucht, aber dem Geschmack des Betrachters anempfunden waren. Lange Zeit genoss Johann die Eindrücke, die zu ihm kamen. Sie machten sich die größte Mühe seiner Suche zu entsprechen. Viele, viele Bilder fanden ihn.
Erst als sie drohten ihn nicht mehr zu verlassen, ging der Reiz des Gefundenwerdens verloren. Johann drohte die paradoxe Überwältigung durch Bilder, die sich ihm allzu willentlich ergaben. Jetzt musste er ihnen Widerstand entgegenbringen. In der Tat hatte er sich schon lange kein eigenes Bild mehr gemacht.
Diese Einsicht fand Johann eine unangenehme. Zum Glück sprang in seinem Kampf ihm bei: die Okönomie. Erst auf dem Weg von Konsumption zur eigenen Produktion macht sich der Mensch zum Bürger, so Luther. Oder auch: der Mensch lebt nicht vom Brot allein, doch wem schon dieses fehlt, macht sich verdächtig.
Jahrelange Übung hatte Auge und Herz geschult, das zugängliche aus vielen Bildern auszuwählen. Johann produzierte in großer Zahl. Man hieß ihn allgemein tüchtig und kreativ. Letzteres nahm Johann gerne von sich an, wenn er ab und an ein Bild zum Verkauf anbot, ja, eines hineinschmuggelte, das er für grotesk überladen hielt. Es ist vor allem diese Verachtung für den Käufer, die ihn seither über Wasser hält.

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