Wo man selbst bleibt.

maverickNiederrhein 1/17

Edit war von Angst getrieben. Wie nur sollte der drohende eigene Untergang abgewendet werden? Ohne viel Gedanken ans Detail hatte sie stets das Richtige getan und auch gesagt. Immerhin war sie noch am Leben.
Jämmerlich erschien enttäuschten Freunden manche Lüge. Viele nannten Edit hysterisch, wogegen andere sie in Schutz nahmen. “Hysterie ist keine Pathologie, sondern ein misogyn motivierter Begriff mit dem Ziel die Urteilskraft einer Person herabzuwürdigen.” So einfach solle man es sich nicht machen, sagte Dieter, der Edit eigentlich nicht zugetan, aber immer auf gerechte Behandlung bedacht war. Wichtiger als die Ängste ernst zu nehmen, so Dieter, sei es, die Person ernst zu nehmen und ihr zuzutraun mit ihren Ängsten umzugehen, ohne dabei anderen Menschen im Übermaß zu schaden. Damit hatte Dieter sein eigenes Urteil schön umschrieben. Menschen wie Edit waren nicht hysterisch, sie waren Arschlöcher – ernstzunehmende.
Edit war in der Lage, durch den dauerhaften Hinweis auf ein ihr gerade geschehendes ode runlängst geschehenes Unrecht, Forderungen anderer Menschen erfolgreich abzuweisen. Wenn jemand darauf pochte sein Geld zurück zu bekommen, sagte Edit: “Das Geld hast Du mir nicht geliehen, das habe ich verdient.” und behielt das Geld ein. Ein Dritter wurde dann Zeuge, wie sie behauptete: “Ich muss ‘x’ die Summe ‘y’ zurückzahlen, und das zu Unrecht.” Der Dritte konnte in der Regel – aus irgendeiner Schwäche heraus, womöglich getarnt als christliche Nächstenliebe – die Lage nicht mehr mitansehen und würde ihr ‘y’ als Leihgabe überlassen.
Ich wollte Edit gerne glauben, immer wieder. Zu entdecken gab es für mich an Edit nichts, ich hatte gar keine Frage an, sagen wir, ihre Augen, oder ihren Mund. Ich erkannte in ihnen genau jene Rechtschaffenheit, die die Lüge wie die Wahrheit gleichweit ins Feld trägt. Die Ansicht von Edit lehrt mich auch rückblickend nichts weiter.
Sie hatte dem Fleischermeister einmal in meinem Beisein tausend Mark aus den Rippen geleiert – Zitat Fleischermeister: “…aus den Rippen geschnitten.” – indem sie ihm nach einer Flasche Jägermeister unter Tränen gestand, sie würde ein Kind von ihm erwarten, und sie müsste nun nach Holland, um es dort abtreiben zu lassen. Jahre später bekam sie tatsächlich ein Kind. Der Fleischer hatte nichts damit zu tun. Auch daraus ließ sich wenig schlussfolgern. “Jeder muss gucken, wo er bleibt.”, sagten damals zu viele und zu oft. Man war selbst dabei. Das lässt sich erzählen.
Dieter, der wie gesagt für Edit persönlich nichts übrig hatte, sie aber als Mensch zu respektieren genötigt sah, Dieter dachte über ganz andere Dinge nach. Große Gedanken waren das, die sich mindestens mit dem Gemeinwesen, oft sogar mit der Umwelt im Ganzen aufhielten. Ohne Post, Verkehrsinfrastruktur oder Ärzte in die Anarchie, oder vom Abbruch des Golfstroms zum Umzug in die Sahelzone gezwungen werden, das waren Dieters Ängste. Im besten Alter gesund, und als gemachter Architekt von Arbeitslosigkeit nicht bedroht, fand Dieter in solchen Überlegungen eine Beunruhigung, die ihm sein Alltag sonst verwehrte.
Wie jeder vernünftige Mensch mit chronisch ausgeglichenem Girokonto ging Dieter mindestens drei Mal im Jahr in den Ski-Strand-Club-Urlaub und fuhr keinen Wagen, von denen er immer mindestens zwei besaß, länger als vier Jahre. Niemand nannte Dieter je hysterisch, was ich rückblickend für einen Fehler halte.
Es gab auch noch jene, die versucht haben sich aus den Zerstörungsorgien der Zeitgenossen herauszuhalten. Sie zog es – in den Wald, wo man aber auf Dauer nicht bleiben konnte und deswegen – ins Dorf, wo ihnen die Dieters und Edits dieser Welt Brot und Salz vorbeibrachten. Und dann noch jene, die sich überpersönlich engagierten, etwas neues aufbauen wollten, und dann tatsächlich hier und da einen Stein auf den anderen brachten. Dabei war wichtig, den ethischen Auftrag noch lange zu fühlen, auch wenn er schon lange im ökonomischen aufgegangen war.

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